Jeder Popel fährt ’nen Opel

Jeder Popel fährt ’nen Opel

Kennst du mein Auto, dann kennst du auch mich. Diese Binsenweisheit umschreibt ziemlich genau, wie ich tagtäglich auf der Strasse unterwegs bin – manchmal mit dem Auto, häufiger jedoch ganz entspannt mit meinem Fahrrad. Im Strassenverkehr ist es doch eigentlich wie im richtigen Leben: Die grössten «Schlitten» mit den meisten PS sagen, wo’s langgeht. Aber im Gegensatz zum Leben abseits der Strasse, können sich auch jene Personen diese Dominanz erlauben, welche im Alltag ganz andere Rollen übernehmen (müssen). Dennoch kann man sagen, dass ein Auto die Eigenheiten seiner Besitzer widerspiegelt. Da gibt es beispielsweise diejenigen, welche mit allen Schikanen «bewaffnet» sind – etwa mit auffallenden Felgen oder lärmenden Subwoofern. Dann gibt es die Verschnörkelten, welche ihren fahrenden «Schmuckstücken» archaische Tribal Tattoos oder neckische Augenwimpern verpassen. Oder es gibt auch die meist schon in die Jahre gekommenen Modelle, die mit Aufklebern gegen Atomstrom oder Pace-Stickern für eine bessere Welt werben.

Obwohl ich es amüsant finde, die optischen Eigenheiten der Autos an ihren jeweiligen Besitzern wieder zu entdecken, hat die Mensch-Fahrzeug-Symbiose auch weniger lustige Seiten. Denn man muss kein Sherlock Holmes sein, um das oftmals asoziale Verhalten der Teilnehmenden im Strassenverkehr zu entdecken: Sie nehmen einander den Vortritt, fuchteln wild in Richtung anderer Fahrer oder Fussgänger und bringen ihre Stimmung mit unmissverständlichen Handzeichen zum Ausdruck.

Doch woran liegt es, dass sich Leute im Strassenverkehr so viel aggressiver verhalten, als im Alltag abseits der Strasse? Ist es vielleicht in diesen Situationen schlicht leichter, sich gegenüber seinen Mitmenschen aggressiv zu verhalten? Immerhin sieht man die meisten Leute nur ein paar wenige Sekunden und ist im Wagen geschützt vor einer «Antwort» des Gegenübers. Oder ist es ein Zeichen von Überforderung, weil das lange Stehen im Stau oder die schier endlose Suche nach einem Parkplatz die Nerven dermassen beansprucht haben, dass das gesamte Kontingent an sozialem Verhalten aufgebraucht ist? Oder werden im Strassenverkehr Stress oder Frust kompensiert – beispielsweise indem man anderen Autos zu nah auffährt oder diese nicht in eine Strasse einbiegen lässt, um Macht zu demonstrieren?

Bitte nehmt diese Zeilen nicht als Vorwurf. Schliesslich bin ich genau diejenige, die sich unglaublich oft und richtig heftig aufregen kann, sobald ich hinter dem Lenkrad sitze. So habe ich auch schon zahllose Leute mit Flüchen belegt oder sie auf der Grundlage von winzigen Details innert Sekunden etikettiert und abgestempelt.

Auf keinen Fall möchte ich also den Moralapostel spielen. Ich bin aber überzeugt, dass es sich lohnt, hin und wieder darüber nachdenken, warum ich mich so verhalte, was genau mich dermassen in Rage bringt. Manchmal versuche ich darum auch, mich auf der Strasse so zu verhalten, wie ich das sonst im Umgang mit Menschen auch tue. Ich versuche hinter der Windschutzscheibe einen Menschen zu sehen, dem ich mit Respekt begegne und der einfach nur ein Fahrzeug benutzt um von A nach B zu gelangen. Denn dazu hat schliesslich jeder das Recht. Und das ist nun wirklich kein Grund, sich aufzuregen.

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