Eine Frage der Individualität

Eine Frage der Individualität

Jeder Mensch ist eigen und legt grossen Wert darauf, sein Leben nach den eigenen Bedürfnissen zu gestalten, sich möglichst frei und unabhängig zu fühlen. Jeder Mensch hat seinen eigenen Stil, seine eigenen Interessen und seine ganz persönlichen Muster und Gewohnheiten.

Doch sind wir tatsächlich alle so individuell wie wir meinen? So besonders? Ist es nicht vielmehr so, dass wir alle ähnlich aussehen, uns gleich verhalten, gleiche Interessen haben und dass wir uns letztendlich nahtlos in die Gesellschaft einfügen?

«Das kann doch nicht sein: ICH bin anders und steche aus der Masse hervor», wird eine Vielzahl der Leserinnen und Leser nun wohl denken. Aber warum ist es dann so, dass alle Leute bei schönem Wetter nach draussen gehen, eine Wanderung oder eine Velo- oder Töfftour unternehmen? Wieso stehen an jedem verlängerten Wochenende Tausende Menschen im Stau in Richtung Süden – nur um ein paar Tage später wieder in Gegenrichtung nach Hause zu schleichen? Wieso trägt jeder während des ganzen Tages sein Handy mit sich, um ja nichts zu verpassen? Und warum existieren überhaupt Mode-, Musik- und Freizeittrends – wohl kaum, weil wir alle vorwiegend individuelle Interessen haben, oder? Dies sind klare Indizien dafür, dass wir auf einer gewissen Ebene alle gleich ticken, und uns für die dieselben Dinge begeistern lassen.

Auch diejenigen, die sich ganz besonders viel Mühe geben, um anders auszusehen oder anders zu sein, sind Bestandteil einer grossen Menschengruppe. Jede Bewegung, die aus der Masse herausstechen möchte, findet wiederum viele Gleichgesinnte. Diese kleiden und verhalten sich wie die anderen Gleichgesinnten, sodass jegliche Individualität verloren geht.

Sehen wir das Ganze positiv: dass wir unserem Gegenüber gleichen, hat seinen berechtigten Grund, denn es ist nicht nötig und auch nicht wichtig, dass wir alle das Rad immer wieder neu erfinden wollen.

Eine Gesellschaft mit vielen Gemeinsamkeiten ist Ausdruck einer grossen Zusammengehörigkeit. So viel Einigkeit zeigt, dass wir alle uns doch ähnlicher sind als wir meinen. Eine Tatsache, die uns nicht abschrecken, sondern vielmehr verbinden sollte. Dies kann uns die Augen öffnen, unseren Blick verändern auf uns selbst und auf die anderen. Das Wissen darum kann uns helfen, gelassener durchs Leben zu gehen. So etwa, wenn wir einmal mehr in einem überfüllten Zug sitzen oder wenn wir uns inmitten eines zahlreichen Konzertpublikums wünschen, die auftretende Band in einem intimeren Rahmen erleben zu können. Genau in solchen Momenten geht es nämlich allen anderen Menschen genauso – und auch sie hätten dann gerne etwas mehr für sich allein.

Wir können uns aber damit trösten, dass wir unsere ganz eigenen Gedanken haben und unsere Phantasie. Niemand sonst hat zur gleichen Zeit die gleichen Ideen! Immerhin ist dies wirklich individuell und exklusiv…

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